Stadt, Land, Fluss - Kreuzfahrt auf Rhein und Maas
Jürgen Kirchner
 
Schon vor drei Jahren hätte sie stattfinden sollen, aber dann kam uns Corona in die Quere. In diesem Jahr aber stand unserer Flusskreuzfahrt nichts Ernsthaftes mehr im Wege.
 
Am 20. Juli bestiegen wir in Köln – unweit des Domes - die Rhein Prinzessin (seltsame Schreibweise!), die eine Woche lang unser Zuhause sein sollte (Bild 1). Das Schiff ist stolze 110 m lang und 11,40 m breit. Die Maße sind den Abmessungen der gängigen Schleusen angepasst. Mit seinen 4 Decks ist die Prinzessin erstaunlich niedrig. Der Grund sind die oft geringen Höhen der Brücken, insbesondere an den Kanälen.
 
Die erste angenehme Erfahrung war die komplette Entschleunigung: Wir machten es uns auf dem Sonnendeck bequem. Nahezu geräuschlos glitt das Schiff in den Sonnenuntergang hinein (Bild 2), vorbei an den vertrauten Städten am Niederrhein wie Düsseldorf mit dem Medienhafen (Bild 3) und dem Landtag, Krefeld und Duisburg-Rheinhausen mit seinen Stahlwerken.

Am nächsten Morgen wachten wir bei Regen in Amsterdam auf. Unser Schiff hatte unmittelbar am Hauptbahnhof festgemacht. Unweit ankerte ein riesiger Kreuzfahrer, dessen schiere Dimensionen bedrohlich wirkten. Nichts für uns! - Nachmittags machten wir einen Streifzug durch das Grachtenviertel rund um die Oude Kerk (Bild 4), bestens bekannt seit unserem Ehemaligen-Treffen 2016.
 
Über Nacht erreichten wir Dordrecht, eine hübsche Stadt, die einstmals große Bedeutung hatte. Schrilles Geläut scheuchte uns bei unserem Rundgang von einer Klappbrücke, die den Durchlass für etliche Yachten freigeben sollte. Blickfang war die eindrucksvolle Onze-Lieve-Vrouwekerk mit ihrem 70 m hohen Turm (Bild 5). In maßloser Selbstüberschätzung habe ich diesen bestiegen – zugegeben: mit etlichen Verschnaufpausen. Der Ausblick auf den Hafen und die Stadt war allerdings eine angemessene Belohnung (Bild 6).

Die Fahrt ging weiter über Kanäle und Hollands Diep hinein in das Mündungsdelta von Rhein und Maas. Der kleine Ort Willemstad mit rund 3.000 Einwohnern ist mit einer historischen Festungsanlage umgeben. Auf den Wällen kann man bequem das Dorf umrunden und dem bunten Treiben im Hafen und den Straßen zuschauen.

Am nächsten Morgen befanden wir uns in Belgien. Antwerpen ist nach Rotterdam der zweitgrößte Seehafen der EU, eine betriebsame und wohlhabende Stadt. Wir schlossen uns einer Führung per Bus und zu Fuß an. Bemerkenswert die Central Station, die von Leopold II in Auftrag gegeben wurde; die Kosten spielten keine Rolle. Über das Gemisch von Baustilen und Techniken kann man streiten – eindrucksvoll ist er alle Male (Bild 7).
 
In der Hafengegend an der Schelde wimmelte es von Menschen. Anlässlich des Hafenfestes und einer Regatta lagen mehrere stolze Dreimaster vor Anker (Bild 8), Musikkapellen spielten und Trachtengruppen zogen durch die Straßen.
 
In den Dreißigerjahren bauten die Belgier den Albert-Kanal. Er ist ca. 140 km lang; sechs Schleusen helfen, Höhenunterschiede von 56 Metern zu überwinden. Der Kanal verkürzte den Wasserweg aus dem Raum Lüttich nach Antwerpen erheblich und machte Belgien von den niederländischen Flüssen und Kanälen unabhängig (Bild 9).

Über den Kanal gelangten wir zunächst nach Lüttich, wo wir uns erneut einer Führung anschlossen. Zwar hatten wir die Stadt häufig in den Siebzigerjahren, als wir in Luxemburg wohnten, durchquert, aber ernsthaft besucht hatten wir sie nie. Eindrucksvoll die Kontraste: Hier das prachtvolle historische Bischofspalais, dort der ultramoderne neue Bahnhof Guillemins. Berühmt ist die Montagne de Bueren, eine 260 m lange Treppe mit 374 Stufen (Bild 10).
 
Etliche Mitreisende fanden Lüttich hässlich. Mehrere Straßen sind eine einzige Baustelle, da derzeit eine neue Tramlinie errichtet wird. Ganze Viertel wirken ärmlich und vernachlässigt. Lüttich ist eben ein Beispiel für die wirtschaftlichen Probleme, die die Wallonie nach dem Niedergang der Montanindustrie erfährt. Aber ich hatte den Eindruck: Es ist eine Stadt im Aufbruch.
 
Im krassen Gegensatz dazu steht das niederländische Maastricht, eine der ältesten Städte der Niederlande (Bild 11). Es ist eine gemütliche, propere Stadt mit prächtigen Kirchen und schattigen Plätzen, die zum Verweilen einladen. - Auf dem Vrijthof vor der Servatiusbasilika gastierte André Rieu, einer der berühmten Söhne der Stadt. Ich mag das operettenhafte Drumherum seiner Aufführungen nicht, aber er trifft wohl den Musikgeschmack vieler Zeitgenossen.
 
Mittlerweile fuhren wir auf der Maas, die – im Gegensatz zum Rhein – über etliche Staustufen verfügt. Dies macht zwar das Schleusen der Schiffe erforderlich, hat aber den Vorteil, dass so niedrige Wasserstände ausgeglichen werden können.
 
Am nächsten Tag erreichten wir vertraute Städte: Roermond (Bild 12) und Venlo. Von meinem Heimatort - unmittelbar an der Grenze zu den Niederlanden gelegen - aus erreichte man diese Städte in der Provinz Süd-Limburg schneller als z.B. Mönchengladbach oder Krefeld. In der Nachkriegszeit radelten wir häufig nach Roermond, um dort Lebensmittel zu kaufen. Kaffee war das "Gold" jener Zeit! Und so gab es auch einen regen Verkehr über die "Grüne Grenze"…
 
In Roermond machte ich mich auf die Suche nach einer Apotheke. Meine Frau hatte Durchfall. Zunächst einmal erfuhr ich, dass es entsprechende Mittel in den Niederlanden in Drogerien gibt. Eine junge Angestellte empfahl mir ein Produkt, das sich bei näherem Hinsehen jedoch als Mittel gegen Verstopfungen erwies. Böse Zungen behaupten, dies könne an meinem „ausgezeichneten“ Niederländisch gelegen haben. Onbeschaamdheid!

Um einem Missverständnis vorzubeugen: An dem Essen auf der „Prinzessin“ können die Probleme meiner Frau kaum gelegen haben: Zweimal am Tag bekamen wir ein First-Class-Menü – für Augen und Gaumen ein Vergnügen. Großes Lob verdiente auch das Service-Personal. Die 35 Besatzungsmitglieder kamen aus 23 Ländern, vor allem aus Osteuropa, vom Balkan und aus Asien.
 
Venlo grenzt unmittelbar an Nettetal, wo wir zwischen den Jahren in England und der Zeit in München ein Jahr verbrachten. Grenzübergreifend gibt es dort den Naturpark Maas-Schwalm-Nette, eine wahre Oase der Erholung. – Venlo ist ein betriebsamer Ort mit viel Handel und Logistik. Das Zentrum mit dem historischen Rathaus (Bild 13) und prächtigen Bürgerhäusern lädt dagegen zum Verweilen ein.
 
Früher als geplant verließen wir Venlo: Die niedrigen Wasserstände des Rheins gefährdeten eine pünktliche Ankunft in Köln. Und so wurde auch der Aufenthalt in Nijmegen „geopfert“. Zu allem Unglück war auch noch eine Schleuse am Maas-Waal-Kanal defekt, so dass ein langer Umweg bis in das Mündungsdelta erforderlich wurde.
 
Über den Sint-Andries-Kanal gelangten wir endlich in die Waal, den breiteren Mündungsarm des Rheins. Gegen den Strom und (wegen des Niedrigwassers) mit gedrosselter Motorkraft fuhr unser Schiff nun in die Nacht hinein Richtung Süden. An den Flussufern lagerten Rinder und Wildpferde (Bild 14).
 
Pünktlich gegen 09:00 Uhr am nächsten Morgen erreichten wir Köln, schon von weitem begrüßt durch die spitzen Türme des Domes (Bild 15). Ich glaube, diese Art des Reisens verlangt nach einer Fortsetzung...

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