Corona in einem indonesischen Kampong
Jos de Wit

Indonesien hatte lange (zusammen z.B. mit den Vereinigten Staaten) überhaupt keine Corona-Infizierten, jedenfalls wenn man der Regierung glaubte. Doch dann waren die - wie überraschend - doch da. Dann wurden auch Mundschutz und Abstandhalten verordnet. Der Mundschutz war eigentlich kein Problem, denn der wurde schon oft zuvor getragen, nicht wegen Covid-19, sondern wegen der unglaublich schlechten Luft.

Aber Abstand? Ich habe mich sofort gefragt: Wie würde das funktionieren in dem Kampong*, in dem meine Schwester in Jakarta wohnt? Es gibt da nur sehr schmale Gassen, oft nicht breiter als 1 Meter, und sehr viel Menschen. Jedes „Haus“ hat meistens nur ein Zimmer, in dem eine Couch, ein (sehr) großer Fernseher und immer ein Roller oder Motorrad stehen. (Bild 1) In diesem Zimmer muss die ganze Familie auch noch schlafen.

Die meisten Bewohner in dem Kampong haben keine feste Stelle, d.h., wenn es keine Arbeit mehr gibt, gibt es auch kein Einkommen. In einem Kampong wird die Regierung vertreten durch den Rukung Kampung (= Siedlungsverband). Die Leitung hat der Kepala RT, immer RT genannt. Dieser RT bestimmt, welche Familien als arm eingestuft werden. Er darf dabei die Grenze von 50% der Einwohner nicht überschreiten. Die Einstufung ist wichtig, denn diese Familien bekommen in der Pandemie von der Regierung Reispakete. Wenn man Indonesien ein kleines bisschen kennt, wird man nicht erstaunt sein, dass meine Schwester die Wahl, wer als arm eingestuft wird, nicht immer versteht.

Neben dem RT gibt es eine Organisation von Bürgern, die das Gemeinwohl in dem Kampong im Auge behält, wobei meistens Frauen den Vorstand bilden. Diese Frauen - meistens etwas wohlhabender - beschlossen, dass in dieser Zeit einmal in der Woche Lebensmittelpakete verteilt werden. Lebensmittelpakete hört sich wunderbar an, aber es ging um Plastiktüten mit etwas Essen in einem Wert von 10.000 Rupiah (= 60 Eurocent!). Die Tüten wurden donnerstags morgens an der Moschee gesammelt und nach dem ersten Gebet (halb fünf Uhr morgens!) verteilt.

Das erste Mal gab es ein Chaos. Da waren viele, sehr viele Menschen. Viele nahmen mehr als eine Tüte mit. Die zweite Woche wurde besser kontrolliert, aber dennoch lief die ganze Sache noch nicht reibungslos. Und so wurde meine Schwester, eine alte Grundschullehrerin, eingeschaltet. Sie erschien mit einem 1,5 m langen Stock (Bild 2,3). Am Ende des Stockes war ein Zettel mit „Jaga jarak!“ (Abstand halten und keine genommene Tüte zurücklegen!)

Irgendwie hat meine Schwester etwas, was ich immer gesucht, aber nie gefunden habe: Autorität. Das hatte zur Folge, dass die Schlange über 300 m lang wurde und dass die Letzten eine Stunde vergeblich gewartet hatten, da die Tüten alle waren. Der RT hatte bemerkt, dass aus einer Familie mehrere Personen in der Schlange standen, und so beschloss er, dass man bei ihm ein Zettelchen holen musste, um anstehen zu dürfen. Das bedeutete jetzt Chaos beim RT. Der bekam auch sofort Covid-19. An der Moschee blieb alles beim Alten. Und so kommt man während der Corona-Zeit in dem Kampong einigermaßen über die Runden.
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* Ein Kampong bzw. Kampung ist in Indonesien und benachbarten Ländern ein Dorf bzw. Stadtbezirk. Der englische Begriff compound (= abgeschlossene, meist bewachte Siedlung) ist davon abgeleitet.